„Qualifizierung bringt unser Unternehmen weiter“

Die Thomas Gruppe ist der größte unabhängige Lieferant von Komponenten aus Weißblech und Aluminium für die Aerosol-, Pharma- und Kosmetikindustrie. Weltweit beschäftigt das Unternehmen 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 140  in Deutschland. Mit einer Weiterbildungsquote von 12 Prozent der Beschäftigten am Standort Langenselbold nimmt das Unternehmen einen Spitzenplatz unter den mittelständischen Industriebetrieben in Hessen ein.

Anfang 2020 hat die Thomas GmbH in Langenselbold die erfolgreich abgeschlossene Qualifizierung von 17 ihrer Beschäftigten gefeiert.  Aber wie kam es zu dieser Qualifizierungsoffensive, welche Akteure haben die Maßnahmen unterstützt und inwieweit sind die gewonnenen Erfahrungen auf andere Unternehmen übertragbar? Darüber haben wir mit Stefan Benito, Geschäftsführer der Thomas GmbH und Personalleiter Matthias Ganz gesprochen.

Herr Benito, Ihr Unternehmen hat rund 140 Beschäftigte in Deutschland. Wie kam es, dass gleich 17 Personen innerhalb kürzester Zeit eine Nachqualifizierung erfolgreich absolviert haben?

Stefan Benito: Zunächst ist für einen weltweit tätigen mittelständischen Industriebetrieb ein hohes Qualifikationsniveau seiner Beschäftigten ungemein wichtig, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Und wir hatten festgestellt, dass ein Teil unserer Beschäftigten länger nicht mehr an Bildungsmaßnahmen teilgenommen hat, und manchem sogar – trotz guter Leistung im Unternehmen – der qualifizierte Berufsabschluss fehlt. Wir haben uns daher bei Thomas zu einer „Qualifizierungsoffensive“ entschieden.

Damit spielen Sie auf die Qualifizierungsoffensive des Landes Hessen an?

Benito: Richtig. Der Begriff stammt nicht von uns, sondern beinhaltet ursprünglich Fördermaßnahmen des Landes Hessen, unter anderem die Initiative ProAbschluss. Aber „Qualifizierungsoffensive“ bringt genau das auf den Punkt, was uns angetrieben hat: Die Überzeugung, dass Qualifizierung uns weiterbringt. Die Bereitschaft zu besonderen Anstrengungen, und der Wille zum Erfolg.

Sieben ihrer Beschäftigten wurden über ProAbschluss mit einem Qualifizierungsscheck gefördert. Wie sind Sie auf diese Initiative aufmerksam geworden?

Matthias Ganz: ProAbschluss wird ja intensiv hessenweit beworben, unter anderem auch über Radiospots oder Online-Kanäle. Wir hatten aber vor allem intensiven Kontakt mit dem Bildungscoach der Gesellschaft für Wirtschaftskunde in Hanau, Frau Mühlenkamp. Schnell haben wir die Bedeutung von ProAbschluss für bewährte Maschinenbediener, denen jedoch die entsprechende  Beraufsausbildung fehlt, erkannt.

War es schwierig, geeignete Kandidaten in Ihrem Unternehmen für das Nachholen eines Berufsabschlusses zu finden?

Ganz: Nein, überhaupt nicht. Nach wenigen Tagen hatten wir sieben interessierte Teilnehmer für das Programm. Sie sind allesamt seit Jahren bei uns tätig, aus persönlichen Gründen aber nie dazu gekommen, einen entsprechenden Berufsabschluss zu machen.

Gab es besondere Herausforderungen bei der Umsetzung?

Ganz: Natürlich ist es für jeden Einzelnen eine große Herausforderung, nach Jahren im Beruf wieder in einen „Lernmodus“ zu kommen. Dies haben aber alle erfolgreich geschafft. Und für das Unternehmen war es von Vorteil, dass die Weiterbildungsmaßnahe sehr zügig abgeschlossen werden konnten.

Wie lange hat der Prozess gedauert?

Ganz: Im Frühjahr 2019 hatten wir erstmalig von der hessischen Initiative ProAbschluss erfahren. Schnell waren wir im Gespräch mit der GfW und dem ProAbschluss-Bildungscoach Frau Mühlenkamp, und bereits im Juli 2019 erhielten unsere Teilnehmer den Qualifizierungsscheck von Weiterbildung Hessen e. V. Ab Mitte August durchliefen sie – parallel zu ihrer Schichtarbeit, die Vorbereitung auf die Prüfung bei der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern. Hierfür kamen zwei Berufsschullehrer wöchentlich zum Unterricht direkt in den Betrieb. Organisiert hat das die Gesellschaft für Wirtschaftskunde. Den praktischen Teil haben wir mit unserer Ausbildungswerkstatt selbst sichergestellt. Im Januar 2020 haben dann alle unsere Kandidaten die Externenprüfung absolviert – und alle haben bestanden.

Benito: Angemerkt werden muss, dass es schon eines gewissen Organisationsaufwandes, großer Flexibilität auch der Lehrkräfte und natürlich auch eines beträchtlichen Maßes an Konzentration unserer Teilnehmenden bedurfte. Die Lehrkräfte haben im wöchentlichen Wechsel Inhalte zur Frühschicht den Spätschicht-Mitarbeitern vermittelt, und zur Spätschicht den Frühschicht-Mitarbeitern. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass sich Schichtarbeit und Weiterbildung miteinander verbinden lassen.

Und gab es bürokratische Hemmnisse in Bezug auf die Förderung?

Benito: Nein, das verlief für uns als Unternehmen ganz unbürokratisch. Frau Mühlenkamp als Bildungscoach der GfW hat uns umfassend beraten, die Qualifizierungsschecks wurden problemlos den Teilnehmenden ausgestellt und wir haben den Eigenanteil von 50 Prozent direkt mit dem Bildungsanbieter abgerechnet. Die anderen 50 Prozent der Weiterbildungskosten wurden dann aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds von Weiterbildung Hessen e. V. an den Bildungsanbieter überwiesen.

Die Förderung eines Berufsabschlusses durch Ihr Unternehmen war aber nicht die einzige Qualifizierungs-Maßnahme Ihres Unternehmens…

Ganz: Ja, wir haben auch fünf Personen zur Qualitätsmanagementfachkraft und drei Personen zum Ausbilder (AEVO) weiterqualifiziert. Eine Kollegin hat die Prüfung zur Bilanzbuchhalterin absolviert und ein weiterer Kollege den Lehrgang für additive Fertigung/3D-Drucktechnologie.

Momentan ist Ihr Unternehmen stark von der Corona-Krise betroffen. Spielt deshalb Weiterbildung bei Ihnen jetzt eine weniger wichtige Rolle?

Benito: Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Natürlich sind wir auch von der aktuellen Krise betroffen. Wir waren auch eines der ersten Unternehmen, das die Folgen der Pandemie zu spüren bekam. Schließlich hat die Thomas Group auch ein Werk in China. Zurzeit ist unsere Tochtergesellschaft in Spanien ebenfalls von diesem Ausnahmezustand betroffen. Wir haben verschiedene Szenarien zum Thema Kurzarbeit in der Schublade, haben aber bei der Thomas GmbH in Langenselbold eine gute Auslastung und müssen deshalb an diesem Standort noch keine Konsequenzen ziehen. Hier denken wir in erster Linie an die Rückkehr zur Normalität und was wir für unser Geschäft aus der Krise lernen können. Wir nutzen aktuelle Freiräume nicht nur für strategische Überlegungen, sondern auch für die Weiterbildung. Dies war eine Erfahrung aus der Wirtschats- und Finanzkrise 2008: Deutschland hat deshalb wieder schnell zurück auf den Wachstumspfad gefunden, weil die Unternehmen – insbesondere die mittelständischen – in der Flaute auf die Stärkung der Innovationskraft und die Qualifikation der Beschäftigten gesetzt haben.

Ihrem Beispiel sollten daher gerade jetzt andere Unternehmen folgen?

Benito: Auf jeden Fall! Es ist die Chance, aus den aktuellen Einbußen neue Zukunftschancen zu generieren.